
christian ide hintze | poetry is sexy
zum tod von christian loidl, *linz, 17 09 1957 – † wien, 16 12 2001
christian loidl – illuminated poet of the voices, the writings and the bodies – stürzt am 16. dezember 2001 um 23 uhr aus dem fenster seiner wohnung, fällt zwei stockwerke in die tiefe und prallt auf den gehsteig. er überlebt den unfall nicht. im bericht der polizei, die sich eine obduktion ersparen will, wird später ein selbstmord angedeutet. auch der standard, eine hiesige intellektuellenzeitung, recherchiert schlecht und schreibt: „stürzte sich am sonntag aus dem fenster seiner wiener wohnung“.
was diese zeitung, die sich zu loidls lebzeiten einen dreck um ihn geschert hat, da schreibt, ist nicht nur eine schlampige, pietätlose verdrehung der tatsachen, sondern eine grauslich schamlose anpassung an die hinterfotzigsten mythen des literaturbetriebs. wir haben ihn zwar nicht gekannt, wir verstehen ihn nicht, aber wenigstens wollen wir sehen, dass er sich ordentlich umgebracht hat. das verstehen wir, da kennen wir uns aus. ein abenteuerlicher selbstmord – und wir haben die halbe miete für die besiedelung des olymp. sie könnens wohl nicht anders. sexy poetry? doggy style? wide spread? poetoerotomanie? whuzz dad? da tanzt ihnen jahrelang, beinahe jahrzehntelang ein veritabler revolutionär vor den augen. sie sehen ihn tanzen, sie hören ihn schreien, sie amüsieren sich über sein eruptives schluckauf, aber sie können ihn nicht wahrnehmen. was er schreibt, kommt ihnen – falls sie es je gelesen haben – lächerlich und fremd vor. sie lesens, als hätte ers bloss fürs lesen gemacht. wie sie falco – wenn sie ihn gelesen haben – nur gelesen haben, als hätte er bloss fürs lesen geschrieben.
beide – loidl und falco – haben für einen zusammenhang geschrieben, der dem urimpuls aller poesie jedenfalls viel näher kommt als dieses – sinnlich, sensoriell und sanguinell stets auf krücken daherstolpernde – auf druckbares reduzierte poesiechen namens „literatur“. und weil dem so ist, werden sie bis heute von ihr, „der literatur“, kaum wahrgenommen, ja geradezu brüsk ignoriert. denn was sie geschrieben haben, war teil eines grösseren poetischen universums, das zumindest akustisches, visuelles und gestisches mitumfasste.
so wie falco – wenn er songtexte für einen videoclip geschrieben hat – klar war, „won i so mach (geste), sog i des (wort)“, war loidl klar, dass, wenn er papier anfasste, um darauf zu schreiben, daraus jederzeit eine art partitur für eine performance werden konnte. und diese performances hatten es „in sich“: kaum eine, bei der er – der daran litt, erst umständlich ein medium suchen zu müssen – nicht „ausser sich“ geriet … loidl war auf zeitgemässe riten, zeremonien und magien aus. auf etwas, das im strömen des atems, der die mühle des mundwerks zum klappern bringt, körper, geist und seele (auch psyche) beleuchtet, erleuchtet. „luminous details“, wie ezra pound, den er geschätzt hat, gesagt hätte.
loidl war modern. wohlgemerkt: nicht „postmodern“, denn loidl war neu, abnorm – und modern im sinne rimbauds, der über ihn, loidl, den dichter der zukunft, gesagt hat: „er wird mehr geben: als die formel seines denkens, als die notation seines weges zum fortschritt!“ schrift also als eine von vielen möglichkeiten der notation dieses weges. als eine art spurensicherung einer weit gespannten stimme, eines elastisch gespannten körpers. und sehr oft war dieser körper – loidls klangkörper – so gross, so voluminös, dass er das gewand der schrift einfach zerriss – oder besser: nicht mehr nötig hatte. denn loidl hat mehr gegeben als notation. seine auftritte hatten etwas von schamanischen rock’n’roll-beschwörungen wie seine bücher – insbesondere weisse rede und bei uns dahoam – etwas von buchstabierten heilmitteln und seine cds etwas von hörpillen, vokalen drogen oder kristallinen audiomedikamenten hatten – und immer haben werden.
als alfred goubran, dessen buch- und cd-verlag – edition selene – sich mehr und mehr zum hort der neuen fundamentalavantgarde entwickelt, mir am telefon erzählt, dass der standard kein einziges werk von christian loidl zu dessen lebzeiten mit auch nur einem wort gewürdigt hat, denke ich: das passt eigentlich ganz gut. seht euch nur an, wie sie mit seinem tod umgehen. ganze 6 zeilen ist er ihnen wert. und ohne die reisserische umlügung der sterbeumstände hätte es vielleicht nicht einmal zur nachricht gereicht.
in der selben ausgabe findet sich ein nachruf auf stefan heym, der 30mal soviel platz beansprucht. auf stefan heym also, dessen bedeutung nicht einmal an die bedeutung der linken kleinen zehe loidls heranreicht. 30 zu 1. die 30 seriös recherchiert, die 1 unseriös verdreht. ein verhältnis, das ziemlich genau zum ausdruck bringt, worum es hier eigentlich geht: nicht um das leben und sterben eines geschätzten oder nicht geschätzten individuums, nicht um diese oder jene dichterische leistung, sondern um eine repräsentation dessen, was unter blossen „schreibern“ als wertvoll oder nichtwertvoll erachtet wird. der eine, heym, als repräsentant einer welt, in der die sprachkunst von literatur dominiert wird und diese dominanz in preisen, stipendien, medienpräsenz und „seriosität“ darstellt, findet ohne weiteres seinen spiegel. der andere, loidl, als repräsentant einer welt, in der die literatur – wie es ihr gebührt – lediglich als eine von vielen dimensionen der sprachkunst gilt, findet sich in diesem spiegel nur als zerrbild.
diese unverhältnismässigkeit ist bedauerlich und verstellt den blick auf das, was anderswo wenigstens als „information“ seinen platz hat: nämlich auf die tatsache, dass gerade jene dichter, die – wie loidl – auf eine universelle sprachkunst aus sind – auf eine sprachkunst, die sowohl die muttersprache als auch die schrift überschreitet – das allermeiste dazu beigetragen haben und weiterhin beitragen, dass diese stadt, dass dieses land auch manchmal eine international geschätzte statur hat. autoren wie loidl, steinbacher, huber, kipcak, duca, pataki, ujvary, widder, namtchylak – um nur einige zu nennen – werden seit jahr und tag zur mitarbeit an internationalen festivals und anthologien eingeladen, werden im ausland als performer, auskunftgeber und mediatoren geschätzt und tragen mit ihrer „message as poetry“, mit ihrer mehrsprachigkeit, mit ihrem multimedialen verständnis mehr zu „toleranz“, zum „dialogue of civilizations“ etc. bei als alle jene, die mit ihrer gestelzten political correctness bloss ständig darüber „schreiben“. es ist sicher kein zufall, dass sich aus diesem milieu ein für europa neuartiges projekt entwickelt hat, zu dessen gelingen loidl als mitbegründer wesentlich beigetragen hat: die einrichtung einer unabhängigen poetenschule in wien. loidl, der schon früh damit begonnen hatte, seine poetenfreundschaften über den gesamten globus auszudehnen, war der erste von uns, der die kerouac school in boulder, colorado, aus eigener studentischer erfahrung gekannt hat. seine persönliche bekanntschaft mit den protagonisten dieser schule (allen ginsberg, william s. burroughs, anne waldman, harry smith usw.), seine arbeitsverhältnisse zu dichtern und dichterinnen aus nord-, mittel- und südamerika, aus ost-, mittel- und westeuopa, aus nahost und fernost haben anfang der 90erjahre wesentlich zur internationalisierung der wiener poetenszene beigetragen.
loidl – der voller projekte und pläne war und als praktizierender alpinderwisch in sämtliche mental- und korporaltechniken der upanishaden, der kabbala, des zoroaster, des buddha, des milarepa und der heiligen pilze eingeweiht war – hätte es sich verdient, mit mehr respekt behandelt zu werden, auch in der schrift, auch in der zeitung – auch wenn er dann vielleicht nur gesagt hätte: „hey, i glaub, da oide braucht a schnupftiachl“ oder „fuck you! i fuck buddha!“