Christian war ein Vollzeit-Dichter, der unentwegt seiner
überschäumenden Begabung hinterher schreiben musste. Selbst im Schlaf
arbeitete er mittels Rekorder und einem automatischen Mikrofon. Ständig
suchte er nach neuen Methoden, den subjektiven Blick auf die Welt und
auf die eigenen Werke zu verändern, um beides zu revidieren, zu brechen
und zu wandeln. Seine ungebremste Neugierde auf die Facetten von
Wirklichkeiten war von seiner buddhistischen Furchtlosigkeit beflügelt,
so dass er es in Kauf genommen hätte, sich vom Krokodil fressen zu
lassen, nur um zu sehen, was dabei herauskommt und wie die Welt
ausschaut, wenn man sie mit den Augen eines Reptils betrachtet.
Seine Umgebung war ständig eingeladen, diese Abenteuer auf dem
fließenden, lebendigen Spielplatz aus Sprache und Gegenwart mit ihm
gemeinsam zu bestehen. Nie haben wir über Poesie gesprochen, immer waren
wir mitten drin. Christian – zu Hause auf allen Planeten – jagte mich
atemlos Staunenden durch diese Normalitätsverrückungen. Verändere den
Blick, die Sprache, die Bedeutung, die Wirklichkeit. Um die Worte
wirkkräftig werden zu lassen, war es unbedingt notwendig, sie aus den
Büchern und Heften durch die Performance in den Augenblick zu schleudern
und als Zaubersprüche zu vergegenwärtigen.
Einmal hat er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ein
Arbeitsunfall während eines Experimentes kostete ihm das Leben. Er war
44 und bei weitem noch nicht dort angekommen, wo er hin wollte oder
hätte gelangen können.
Am 25. 5. 2009 las ich zufällig, dass der ehemalige Grazer
Stadtschreiber Nazar Hontschar vier Tage zuvor in den Karpaten unter
ungeklärten Umständen ertrunken sei. Den Lemberger Performance-Dichter
kannte ich über Christian Loidl. Wenn man sich mit seiner Arbeit, seinem
Verhältnis zum Wort und den Sprachen beschäftigen wollte, brauchte man
viel Geduld. Nazar Hontschar kam daher wie jemand aus einer anderen
Zeit, in der dem Spiel mit den Silben – vorwärts wie rück- und seitwärts
– etwas Vormenschliches, ja Göttliches anhaftet und den einfachsten,
banalsten Dingen Wahrheiten auskommen, wenn man sie nur lange genug
dreht und wendet. Er schien die babylonische Sprachverwirrung in seinem
galizischen Nest verschlafen zu haben, und so war er, der Letzte seiner
Art, uns Verwirrten ein einzig poetisches Rätsel. Kern seiner Arbeiten
sind Sprachspiele wie Anagramme, Palindrome, Ambigramme und
Bildgedichte. In diesen verstricken sich Sprachen übergreifende
Homophone und Lettern aus allen Alphabeten mit Bildern aus Hontschars
eigener autistischer Schlaf-Welt. Dabei ging es ihm, denke ich, weniger
um eine Vermittlung. Meine Bemerkung, in seiner Kunst genüge das Spiel
dem Spiel(enden) völlig, kommentierte er jedoch mit einem großen
Fragezeichen.
Er war ein sehr ruhiger Mensch, mit dem man ausgezeichnet schweigen
konnte. Bei der Langsamkeit, mit der er der Außenwelt begegnete, übersah
man oft, wie rührig er war und wie viele künstlerische Projekte – seien
es musikalische, bildnerische oder literarische – er neben seinen
eigenen auf internationaler Ebene initiierte und organisierte. Er
brachte eine Menge Leute zusammen. Nazars Herz, von dem ich glaubte,
dass es selbst eine Schildkröte überleben könne, versagte 45-jährig, als
er zum Baden in das kalte Wasser eines Gebirgssees bei Uschhorod
sprang.
Nazar und Christian waren für mich in gewisser Weise zwei Pole des
einem poetischen Magneten, in dessen summenden, flimmernden Feld meine
Sicht auf die Dinge neu ausgerichtet wurde. Zu der Unerschütterlichkeit,
die sie zu Lebzeiten ausstrahlten, steigt in meiner Erinnerung eine
feine Ahnung der Gefahr und der Zerbrechlichkeit, welcher sich ein
Mensch aussetzt, der derart beherzt an den tiefen Grundfesten unserer
Scheinbarkeit, der Sprache, zu rütteln wagt.
In der Strahlkraft ihrer Personen und Werke, so verschieden sie
sind, treffen sich seit Christians Tod zahlreiche Bewunderer und Freunde
der Dichtung und Performance regelmäßig zu Gedenklesungen. Jeder hat
seine eigenen Toten und verfährt mit ihnen nach Bedarf, und vielleicht
ist das ja auch gut so.
Der Verein Farnblüte veranstaltet am 18. September eine Lesung mit
Gedichten von Christian Loidl, Nazar Hontschar und Doris Mühringer. Die
österreichische Dichterin ist am 25. 5. 2009 88-jährig gestorben. Sie
hatte Christian Loidl, der 1983 seine Dissertation über ihre Lyrik
schrieb, gebeten, einmal nach ihrem Tod ihr Nachlassverwalter zu werden.
Er würde sie sicherlich überleben, schien ihr.
NAVIGARNICHT
schreiben
ist wahnsinn
lesen ist sinnlos
leben ist arschlunge
arschlunge ist verschlungen
arschschlund ist verschlagen
vers-ofen ist ver-soffen
vers-essen ist ver-sessen
ver-stand isst vers-tand
es lebe die
un-sinnige
uns-innige
poesie!
Nazar Hontschar
Info:
NACHKLANG
Freitag, 18. September, 17 Uhr
Bei Schönwetter im Augarten (Wiese vor Bunkerei)
Bei Schlechtwetter in der Loidl-Wohnung, 1020, Vereinsgasse 3/12