Den Schluckauf werde ich vermissen
Man konnte nie ahnen, wann Christian seinen raumerfüllenden
Schluckauf äußern würde. Unvermittelt! Jene Wetten,
die ich mit mir selbst abgeschlossen hatte, habe ich allemal verloren.
Auf der Bühne war sein Schluckauf konsequent verschwunden. Im August
2001 sind wir zuletzt lesend zusammen gesessen, ein Podium im Café
Schottenring. Es war ziemlich heiß.
Ich habe Christian bewundert, wie er sich verausgabt hat - radikal.
Ob im "Salon" in der Praterstraße oder im "Tachles", ein paar
Schritte von seiner Wohnung, oder in einem Lokal der ehemaligen Stadtbahnbögen,
um sein neuestes Buch vorzustellen - zusammen mit den Musikern, die
ihn oftmals begleiteten. Seine diffizile Lyrik gegen die Lärm-Belästigung
der U-Bahnzüge. Christian behielt in jedem Fall die Oberhand.
In einer Jury hatte ich heftig für ihn votiert, ihn gleich danach
angerufen, daß er die nächsten zwölf Monate ein Stipendium
erhalten werde. "Das nächste Jahr überlebe ich also in jedem
Fall." Typisch Christian: "Ich lade dich zu einem gepflegten Essen ein.
Magst du thailändisch? Ich weiß ein hervorragendes Lokal."
(Lukullische Details.)
"Eigentlich kenne ich die thailändische Küche nicht."
"Dann wirst du sie kennen lernen. In der Florianigasse gibt es den besten
Thai von Wien und der restlichen Umgebung."
Als ich mich dem vereinbarten Treffpunkt näherte, stand Christian
bereits vor dem Lokal. Nein, ich hatte mich nicht verspätet.
"Tut mir leid, das Restaurant, hat heute Ruhetag."
Meinem Vorschlag, gleich gegenüber den Italiener aufzusuchen, widersprach
Christian entschieden. "Ich will dich in ein anständiges Lokal
zu einem ordentlichen Essen einladen. Nicht ins nächstbeste Beisl."
(Der Italiener erschien mir keineswegs als Beisl.)
Beim Chinesen seiner Wahl hätten wir bloß den Katzentisch
bekommen. "Wir gehen anderswo hin! Ist es dir recht?"
Christian strebte zu einem Kroaten in der Lerchenfelderstraße.
Zu zweit nahmen wir einen üppigen Vorspeisenteller mit Paški
Sir und Pršut - Käse der Insel Pas und luftgetrockneten Schinken.
Sowie Wein von der Halbinsel Pelješac.
Daß er die letzte Opernball-Demo live miterlebt habe, erzählte
Christian, daß die Polizisten eine Frau gedroschen haben. Eine
andere, die gegen die Behandlung potestiert hatte, wurde ebenfalls niedergeschlagen.
"Stell dir das vor, die Polizisten haben gelacht, als diese Frau nach
deren Vorgesetzen verlangte." Wir teilten das Weinblatt mit der Reisfüllung.
"Das war Krieg! Ich habe sie dermaßen friedlich angesehen, daß
sie mir nichts getan haben. Sie haben mir nichts anhaben können.
Mein Blick war total friedlich - und hat sie überzeugt." Christian
nahm eine Olive. "Jetzt hatten Polizei und Regierung endlich eine Gelegenheit,
sich für die Donnerstags-Demonstrationen zu revanchieren und dabei
auf Ruhe und Ordnung zu pochen. Nachdem einer der Polizisten einen Demonstranten
als Journalisten erkannte, rief er: Achtung Presse! Daraufhin haben
alle ihre Visiere heruntergeklappt. Weißt du, ich war dabei, hab
gesehen, was ich dir erzähle. Ein Schwerverletzter lag auf der
Straße. Als ein Rettungswagen kam, haben die Polizisten bestritten,
daß jemand verletzt sei und haben niemand heran gelassen."
Die Hauptspeise wurde gebracht.
Christian sagte: "Mit einer Freundin habe ich FPÖ-Plakate überschmiert.
Plötzlich eine Taschenlampe der Polizei. Wir wurden verhaftet und
einvernommen. Was sollten wir leugnen. Die Polizei hatte andere Plakate
fotografiert, die beschmiert worden waren. Die hielt man uns vor die
Nase. - Haider im Schnee." Christian behauptete, daß der ganze
Haider-Clan kokse. "Das ist allgemein bekannt, bloß spricht niemand
darüber." Die Polizisten hätten schnell weiter geblättert
und gesagt: "Das waren nicht Sie."
Christian schnitt in sein Gegrilltes.
"Wir waren es wirklich nicht. Bei den Verhören wurde meine Mittäterin
gefragt, ob sie ihre Tat bereue. Was sie vehement leugnete. Die Folge
davon war, daß es zur Anklage kam. Ich wußte inzwischen
um die Tatsache, daß man behaupten müsse, man würde
die Tat zutiefst bereuen. Eine Zwecklüge. Ich bin zur Einvernahme
gegangen und habe Reue geheuchelt, weil ich meine Ruhe haben wollte."
Sein Gegrilltes wurde allmählich kalt. Auch meines kühlte
vor sich hin.
"Ich wurde dazu verurteilt, Schadenersatz zu leisten. Fünfhundert
Schilling für ein zerstörtes Plakat. Bar zu bezahlen im Büro
der Wiener FPÖ. Unten stand ein Typ im Trachtenanzug, fand sich
nicht zurecht, sagte, daß er Mitglied werden möchte und hielt
mich für seinesgleichen. Wir betraten das Büro, eine Vorzimmer-Madam
reichte uns Formulare, die wir ausfüllen sollten. Meine Verweigerung
machte sie stutzig. Ich sagte: Ich komme, um Schadenersatz zu leisten
für ein von mir zerstörtes Plakat. Sie begriff nicht, worum
es ging."
Der Kellner brachte unsere Nachspeise.
"Ein kalter Typ, seine Augen waren total tot, trat mir entgegen. Er
war damals Geschäftsführer der Wiener Partei, später
wurde er parlamentarischer Abgeordneter. Seinen Namen habe ich vergessen.
Er mustert mich, seine Augen durchbohren mich ätzend und selbstbewußt,
aber ich sage, daß ich gekommen bin, um für ein Plakat zu
bezahlen. Ich will nicht mit ihm sprechen. Er beschuldigt und beschimpft
mich, daß ich und meinesgleichen an allen Verunglimpfungen die
alleinige Schuld trage, die seine Partei erfahre. Dann wandte er mir
angewidert den Rücken zu. Ich sei eben nicht zu bekehren. Das Geld
hat seine Sektretärin entgegengenommen."
Inzwischen hatten wir beide die Nachspeise verzehrt.
Sein Stipendium konnte Christian Loidl nicht bis zu Ende konsumieren.
Manfred Chobot, 20.1.2002