Nachruf der IG AutorInnen
Christian Loidl, der bedingungslose Verfechter der Poesie,
ist am Sonntag, den 16.12.2001, aus einem Fenster seiner Wiener Wohnung
gestürzt und hat diesen Sturz nicht überlebt.
Wer Christian Loidl zum Freund gehabt hat, hätte keinen besseren
Freund haben können. Wer Christian Loidl als Vortragenden erlebt
hat, hat einen Weltreisenden in Sachen Lyrik erlebt, der genauso über
die Dichtung in Südamerika wie in den Staaten Osteuropas Bescheid
wußte, der ebenso in der englischsprachigen wie in der deutschsprachigen
Dichtung zuhause war, und unter dessen Händen nahezu alles zur
Dichtung wurde. Durch nichts könnte sein Leben mit der Lyrik und
für die Lyrik besser beschrieben werden als in seiner lyrischen
Hommage an H. C. Artmann, die in wenigen Tagen der Öffentlichkeit
vorgestellt werden sollte, und die in dem Verlag erschienen ist, mit
dessen Autoren ihn langjährige Freundschaften verbunden haben und
der seine menschliche Heimat war, der Wiener "edition selene".
Wer Christian Loidl zum Kollegen gehabt hat, hätte keinen besseren
Kollegen haben können, stets integer und immer auf der Seite der
Literatur und seiner Kollegen zu finden, wenn es um die Auseinandersetzung
und die Konfliktaustragung mit Kulturverwaltungen und politischen Kulturverantwortlichen
zur Verbesserung der literarischen Arbeitsumstände und der Lebensverhältnisse
von Schriftstellern ging.
Irgendeinen Dank für sein Engagement hat Christian Loidl nie erwartet
und wohl auch nicht die Aufmerksamkeit für seine Arbeit, die ihm
gebührt hätte, zu sehr war ihm seine Rolle des Dichters als
Außenseiter in der österreichischen Gesellschaft bewußt.
Mit Christian Loidl untrennbar verbunden sind seine Zaubersprüche
und Beschwörungsformeln, sein nie vorhersehbarer Schluckauf; und
unverkennbar war bei seinen Auftritten, daß Handlungen eine Folge
der Laute und Sprache sind, denen er sich als Autor genauso ausgesetzt
hat, wie sein Publikum von ihm damit konfrontiert worden ist.
Wir trauern um unseren Freund, Kollegen und den Dichter und literarischen
Übersetzer, Christian Loidl, dem wir so vieles mehr zu verdanken
haben, als es je zum Ausdruck kommen wird, und der, so spektakulär
er in seinen Auftritten auch war, in seiner Wahrnehmung immer mit Zurückhaltung
behandelt worden ist.
Christian Loidl hat nicht bloß gedichtet, er hat das Leben eines
Dichters geführt und uns mitten in seinem Leben und mitten in seiner
Arbeit verlassen.
Wir trauern um ihn und mit allen seinen Angehörigen und mit allen
Mitarbeitern und Kollegen seiner früheren Verlage, "edition umbruch"
und "sisyphus", und seines seit vielen Jahren einzigen Verlags, der
"edition selene".
Gerhard Ruiss IG Autorinnen Autoren Wien, 17.12.2001