Lebensarten
Der Knochen-Sprecher
Wien, 16. Dezember 2001: Um 22 Uhr fliegt der Deckel eines Eisenkoffers durch den geschlossenen Fensterflügel einer Wohnung des Hauses Vereinsgasse 3 im zweiten Bezirk in den Innenhof. Nur wenige Augenblicke später springt ein Mann durch den anderen, ebenfalls geschlossenen Flügel und schlägt mit dem Kopf auf. Er erliegt kurze Zeit später in dem von Nachbarn herbeigerufenen Rettungswagen seinen Verletzungen.
Der Tote heißt Christian Loidl und ist 44 Jahre alt. Durch seinen Tod wird ihm eine Aufmerksamkeit zuteil, die der in Linz geborene Dichter zu Lebzeiten kaum erfahren hatte. In einem Nachruf wird er als „bedingungsloser Verfechter der Poesie“ bezeichnet, seine Beteiligung an der Gründung der „schule für dichtung“ im Jahr 1992 gewürdigt. Bekannt wurde er durch seinen Vortragsstil: Loidl las seine Gedichte nicht fad vom Blatt, er sprach sie auswendig – nein, er sprach sie nicht, er sang sie, spielte sie, schrie sie und spuckte sie förmlich aus. Das Publikum dankte ihm die unterhaltsame Abwechslung, während der Literaturbetrieb Loidls expressiven Duktus lange Zeit misstrauisch beargwöhnte. In diesem kopflastigen Klima spielte er die Rolle eines geduldeten bunten Hundes meist mit Augenzwinkern. Manchmal befiel ihn angesichts des ihm zugewiesenen Platzes am Rand des Betriebs Enttäuschung.
Loidls plötzliches Ableben rief Betroffenheit hervor: War hier ein verkanntes Genie an öffentlicher Nichtbeachtung oder an einem privaten Unglück zerbrochen? Verwandte und Freunde standen vor einem Rätsel: Loidl galt als extrovertiert, aber nicht als exzentrisch. Von Depression oder Verzweiflung keine Spur, im Gegenteil: Die Jahre vor seinem Tod waren künstlerisch äußerst produktiv verlaufen. Jahr um Jahr waren seine Bücher erschienen, Stipendien und Preise hatten seine berufliche Existenz gesichert und Teilnahmen an internationalen Poesiefestivals ihn nach Litauen, Mazedonien, Kolumbien und Argentinien geführt.
Der in die Stille der Winternacht abgefeuerte Kofferdeckel und der Sprung durchs Fensterglas wiesen auf einen Zustand äußerster Panik hin. Aber wodurch war dieser ausgelöst worden? In Loidls Wohnung fand man eine chaotische Zettelstraße vom Bett bis unters Fenster. Er hatte offenbar versucht, bis zuletzt Notizen zu machen. Am Wohnzimmerboden lag der beschädigte Eisenkoffer – Loidl hatte den Deckel offenbar mit aller Kraft heruntergerissen. Auf dem Tisch stand eine Kanne. Ihr Inhalt: Tee, vermutlich mit Fliegenpilz versetzt. Loidl dürfte von diesem starken Halluzinogen in eine akute Psychose versetzt worden sein. Was auch immer er in den letzten Stunden seines Lebens gesehen, gehört oder gespürt hat: Es muss ihm eine tödliche Angst eingeflößt haben.
Drogen waren Loidl kein Fremdwort. Allerdings war er keiner, der sich bedingungslos alles reinknallte, was ihm unter die Finger kam. Loidl experimentierte in seinen Schreibprozessen sehr bewusst vor allem mit halluzinogenen Substanzen und reihte sich damit in eine lange Traditionslinie von Poeten ein, die die Reichweite ihrer Imagination in verschiedenen Bewusstseinszuständen erforscht hatten. Loidl war ein „Illuminierter“ im Geist eines Gérard de Nerval (Opium), eines Charles Baudelaire (Haschisch), eines Henri Michaux (Meskalin) oder auch der amerikanischen Beat-Dichter (Yage). Der Schatten, den sein Tod auf diese Experimente wirft, kann die Radikalität der Poesie, die aus diesen Zuständen hervorging, nicht zum Verschwinden bringen.
Vor allem aber soll sein dramatischer Fenstersturz nicht den Blick auf Leben und Werk eines Künstlers verzerren, der zu den vielschichtigsten Persönlichkeiten der österreichischen Literatur des späten 20. Jahrhunderts zählte. Loidl konnte als Performer auf der Bühne bis zur Selbstgefährdung aus sich herausgehen. Das auf YouTube in einer Aufnahme aus dem Berliner Literaturhaus zu findende Körpergedicht „irrwahn“ gibt einen Eindruck davon. Dann wieder konnte Loidl das Treiben um ihn herum tage- und nächtelang mit buddhistischer Gelassenheit verfolgen. Stets hatte er ein Notizbuch dabei und hielt darin fest, was ihm besonders ausdrucksstark erschien. Er nahm die Sprache auf, wie sie ihm entgegenkam, und jonglierte mit den Fundstücken weiter, bis daraus ein Gedicht entstand.
Loidl war ein Außenseiter und trotzdem das Gegenteil eines verschrobenen Einzelgängers. Sein vorbehaltloses Flanieren machte ihn zu einer Integrationsfigur der nachtaktiven Wiener Bohème. Im Lauf der Zeit entstand eine lose Gemeinschaft aus Dichtern, bildenden Künstlern und Musikern um ihn. Loidls Wohnung im zweiten Bezirk verwandelte sich zuweilen in ein kreatives Labor, in dem ein halbes Dutzend Leute an kollektiven Gedichten schrieben, dazu musizierten oder zeichneten. Jeder durfte, niemand musste. Loidl hatte keinerlei Guru-Ambitionen. Gleichwohl konnte er solche informellen Sessions mit seinen spontanen Performances dermaßen dominieren, dass die Anwesenden über weite Strecken zu ehrfürchtigen Statisten verblassten. In solchen Augenblicken offenbarte sich an Loidls wildem Walten nicht nur seine fantastische sprachliche Improvisationsgabe, sondern auch eine Art von Einsamkeit: das ewige Nichtankommen eines lonely drifter auf der Reise durch das Reich der Zeichen.
„geboren zur sprache“ lautet eine Gedichtzeile von Christian Loidl. „Lesestoff war ihm wichtig, den Vorzug erhielten zunächst Bücher fantastischen oder mystischen Inhalts (E. T. A. Hoffmann, E. A. Poe)“, schrieb sein Vater Erich Loidl in einem Text zu Christian Loidls Kindheit, der 2007 in einem Materialienband zu Loidls Leben und Werk erschien. Neben Ernest Hemingway und Hermann Hesse entdeckte der Gymnasiast ein Buch, dessen Autor ihn bis zu seinem Lebensende begleiten sollte: „med ana schwoazzn dintn“, die 1958 erschienenen, surreal-grotesk-sarkastischen Dialektgedichte des Wiener Dichters H. C. Artmann (1921–2000), wurde ihm zur Lieblingslektüre. „schwarzer rotz“ nannte Loidl seine Hommage an den poetischen Tausendsassa Artmann, deren Erscheinen im Dezember 2001 er nicht mehr erleben sollte.
In der Oberstufe löste die Musik für eine kurze, aber intensive Phase die Literatur als künstlerisches Leitmedium ab. Loidl traf in seiner Klasse am Akademischen Gymnasium Spittelwiese auf den Keyboarder Bernhard Lang. Lang, mittlerweile ein international gefeierter und gespielter Komponist von Neuer Musik, blieb Loidl ein Leben lang künstlerisch und freundschaftlich verbunden. Noch der letzte Text, den Loidl vor seinem Tod fertigstellte, diente Bernhard Lang als Grundlage für eine Komposition für Stimme und kleines Orchester. Mit 15 gründeten die beiden gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen die Band Knossos Rabol – nach dem Vorbild psychedelischer Rockbands wie Amon Düül und Grateful Dead. Das Quartett mit Loidl an der Stromgitarre spielte meist in Linzer Pfarrzentren, und zwar „reine Instrumentalnummern, von denen keine im Konzert 15 Minuten unterschreiten durfte“, erinnert sich Peter Leisch, Beamter am Kulturamt der Stadt Linz und enger Schulfreund Loidls. „Dunkel und mysteriös“ sei die Musik gewesen, schrieb Leisch in dem Loidl-Materialienband, angesiedelt „zwischen Pink Floyd und Karlheinz Stockhausen“. Peter Leisch erinnert sich zudem an nachmittagelange gemeinsame Stöbereien in Linzer Antiquariaten auf der Suche nach „literarischen Grenzgängern, Ikonen schwarzer Romantik und vergrübelter, labyrinthischer Parallelwelten“.
Nach der Matura übersiedelt Loidl nach Wien und nimmt das Studium der Germanistik und Psychologie auf. Er wird es 1984 mit einer Arbeit über die 2009 verstorbene Lyrikerin Doris Mühringer abschließen – ohne allzu großen Enthusiasmus und zeitweise gepiesackt von seinem Betreuer Wendelin Schmidt-Dengler. In dem 1990 veröffentlichten Gedicht „westbahn“ hat Loidl eine Polemik Schmidt-Denglers festgehalten: „‚sie stellen sich unter die lyrik wie unter die dusche: seht her, wie es rinnt!‘ / hab die diss umschreiben müssen“, steht da nicht ohne Groll.
Das Jahr 1980 beschert Loidl in mehrfacher Hinsicht ein Befreiungserlebnis: Loidl verfolgt einen Auftritt des amerikanischen Beat-Dichters Allen Ginsberg, der mit seinem Langgedicht „Howl“ (Geheul) einen der einflussreichsten literarischen Texte des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, an der Uni Wien. „Ich habe miterlebt, wie die Stimme durch den Körper in den Raum hinaus klingt und wie es Ginsberg genießt – wahrscheinlich mehr als Jandl es genossen hat, der auf seine Art ebenfalls ein großer Klangkörper war“, schrieb Loidl in dem Essay „Das Echo in Bewegung setzen“ (2001). „Ich habe damals endgültig bemerkt: das ist meins.“
Ginsbergs Performance regt Loidl zur Entwicklung einer eigenen „Körper- und Knochensprache“ an, für die er sich auf den Dialekt seiner oberösterreichischen Vorfahren rückbesinnt. Ähnlich wie H. C. Artmann beginnt Loidl einen artifiziellen Dialekt zu formen und in die archaischste poetische Form zu gießen: den Zauberspruch. Loidl begegnet darin Bedrängungen des Alltagslebens wie Armut, Harndrang und Liebeskummer in derb-surrealen und dann wieder poetisch zarten Sprachbildern. Weit über hundertmal wird Loidl seine Zaubersprüche aufführen – in Kellerlokalen, Literaturhäusern und auf den großen Bühnen der internationalen Poesiefestivals, die Loidl in den 1990er Jahren besuchen wird.
Mit Ginsberg verbindet Loidl nicht nur die Erfahrung des Körpers als erstem Medium der Poesie, sondern auch die Kenntnis der Tradition des tibetischen Buddhismus. In den 1970ern war zwischen den Beatniks und dem tibetischen Lama Chögyam Trungpa eine ungewöhnliche Allianz entstanden. Frucht dieser Begegnung war die Gründung einer „Jack Kerouac School for Disembodied Poetics“ (1974), benannt nach dem legendären Autor des Romans „On the Road“. Loidl besuchte die an der Naropa University in Boulder (Colorado) angesiedelte Schule zwischen 1987 und 1990 gleich mehrere Male. Nicht nur, um sein Schreiben zu entwickeln, sondern auch, um den tibetischen Buddhismus kennenzulernen, dessen Weltoffenheit ihn deutlich mehr faszinierte als das strenge Regime der Yogaschule, dem er sich während seiner Studienzeit unterworfen hatte. Die Jack Kerouac School, schrieb Loidl, habe ihm das vermittelt, „was ich in Österreich vermisst habe: Austausch als Inspiration, nicht nur als Kampf um den Kuchen“.
Vielleicht war es mehr der kooperative Geist als die Begegnung mit Kapazundern wie Allen Ginsberg, William Burroughs und Anne Waldman, der Loidl zu dem werden ließ, was er schließlich wurde: ein unermüdlicher Sucher nach Neuem, in Sachen Kunst genauso wie in Dingen des Lebens. Von Boulder blieben Erinnerungen an prägende Begegnungen wie jene mit dem Avantgardefilmer Harry Smith, den Loidl noch als greisen Hexenmeister erlebte. Smith war für sein schmales, aber künstlerisch äußerst radikales Oeuvre „Early Abstractions“ legendär. Nicht nur Terry Gilliam, der Chefanimator der Monty-Python-Truppe, hat sich von den bereits in den Fünfzigerjahren entstandenen Animationsfilmen inspirieren lassen.
Neben der Idee zu einer „schule für dichtung“ nahm Loidl aus Boulder etwas mit, das ihm bis zu seinem Tod bleiben sollte: einen markerschütternden Schluckauf, manchmal lang wie ein Schrei, dann wieder scharf wie ein Beckenschlag. Eine milde Form des Tourette-Syndroms möglicherweise. Zeitpunkt und Frequenz des Auftretens konnten jedoch so stark variieren, dass selbst enge Freunde nie ganz sicher waren, ob Loidl den Laut nicht manchmal bewusst erzeugte. Bei Auftritten war er niemals zu hören. Loidl schien nicht sehr darunter zu leiden. Einmal entkam er nur knapp einer Ohrfeige, als ein Wirt in einem Lokal im ersten Bezirk nach einem besonders lauten Schluckauf mit vollem Tempo auf ihn zuschoss. Loidl hielt ihn sich vom Leib, indem er ihn anherrschte: „Gehen Sie weg! Das ist eine Krankheit!“ Loidl konnte irritieren, ohne Zweifel. Einmal durch seine unheimliche, stille Aufmerksamkeit, dann wieder durch sein dionysisches Auftreten. Wie kaum ein anderer balancierte er zwischen den Extrempolen Askese und Ekstase.
Vom Schreiben leben konnte Loidl erst ab der Mitte der Neunzigerjahre. Zuvor verdiente er sein Brot mit Feature-Arbeiten für Radio Wien und das Ö1-Feuilleton „Diagonal“, später mit Reportagen für das „Spectrum“, die Wochenendbeilage der Presse. Hier wie dort entwickelte sich Loidl zum Experten für das Abgründige, Schräge und Jenseitige. Vom Branntweiner über die Studentensauna bis zum ehemaligen Sexmuseum im Wiener Prater („Eine grandiose Themenverfehlung!“, resümierte er seinen Besuch) reichte sein journalistisches Einsatzgebiet.
Nicht wenige der dabei gesammelten Eindrücke und Sager flossen in seine Gedichte ein, die ab 1990 bei Kleinverlagen erschienen: „weiße rede“ (1990) noch in der edition umbruch, „falsche prophezeiungen“ (1994) und alle weiteren Publikationen zu Lebzeiten in der edition selene. Loidl nützte den Spielraum, den ihm die Verlage abseits des Mainstream boten, und entwickelte das statische Medium Buch zum dynamischen Gefäß seines Sprachaktionismus. Viele seiner Texte haben Partiturcharakter – vielleicht ein Echo seiner Begeisterung für alle Arten von Graffiti. Ob in „farnblüte“ (1996) oder „pupille“ (1998): Loidl spielte mit der Sprache als sinnlichem Ausdrucksmittel. Mit „icht“ (1999) wagte er sich an die Dokumentation eines Sprachexperiments, das er jahrelang praktizierte: Im Halbschlaf sprach er auf Diktafon und notierte das Aufgenommene am nächsten Tag, ohne korrigierend einzugreifen. Daraus entstand ein reißender Textstrom aus Hochsprache, Dialekt, Englisch, Französisch und gänzlich neuen Wortkreationen. Loidl selbst bezeichnete die Instanz, die da am Werk war, in einem Interview als „insektoide Art von Intelligenz, die aus Büchern Teile herausfrisst und nicht viereckige Seiten liefert, sondern ganz anders verformte“. 2000 folgte der Band „kleinstkompetenzen“, eine Kooperation mit dem Akkordeonisten Otto Lechner. Ein sprachmusikalischer Trip in eine „geheime kindheit“, wie der Untertitel lautet.
Christian Loidls künstlerischer Nachlass wurde nach seinem Tod vom Oberösterreichischen Literaturarchiv im Linzer Stifterhaus erworben. Er umfasst tausende Seiten von Tagebuchaufzeichnungen, Gedichten, Prosastücken, Notizen und eine umfangreiche Sammlung von Tonbandaufnahmen. Vieles davon hat Loidl gewissenhaft aufbewahrt, von einer Veröffentlichung hätte er jedoch wohl Abstand genommen. Er war zeitlebens ein Vielschreiber, aber erst in den letzten Lebensjahren ein fleißiger Publizierer – in einer Phase, in der seine Texte den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht wurden. Insofern ist es stimmig, dass ein eben erschienener Band unter dem Titel „Gesammelte Gedichte“ vor allem die zu Lebzeiten erschienene Poesie wieder zugänglich macht, erweitert um eine Auswahl aus dem Nachlass. Hier findet sich unter anderem dieses freche kleine Juwel: „die sonne ficken / ohne sich den schwanz zu verbrennen // das weltall schlucken ohne / den mund zu bewegen“.