4. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Traumwach

Der österreichische Luftpoet Christian Loidl

Leopold Federmair In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts sind in Österreich zwei Dichter gestorben, von denen man erwartet und gewünscht hätte, dass sie ihr Werk, das sich in den jeweiligen Konturen allerdings längst erkennen liess, noch um den einen oder anderen Aspekt bereichern. Die Rede ist von Gerhard Kofler (1949–2006) und Christian Loidl (1957–2001), die nicht sosehr an komplexen Strukturen arbeiteten, sondern das alltäglich-mündliche Gerede, für das sie stets ein offenes Ohr hatten, destillierten und sich dabei auf das einzelne Wort und seinen Klang konzentrierten. So entstanden verblüffend einfache, dabei unerhörte, überraschende Textgebilde, die sich zum mündlichen Vortrag eigneten, ja, diesen forderten. Gerhard Kofler, in Südtirol geboren, in Wien ansässig, wandte sich im Lauf seines Schaffens mehr und mehr dem Italienischen zu. Loidl, der sich in den USA an der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics poetisch gebildet hatte, schrieb nicht wenige Gedichte auf Englisch.

Loidl war ein begnadeter Performer, er trug seine Gedicht selbst vor, oft in Zusammenarbeit mit Musikern; einiges von ihm wurde vertont, so etwa der Zyklus «fremd/vertraut» vom österreichischen Komponisten Bernhard Lang (Uraufführung 2002 im Wiener Konzerthaus). Inhaltlich, vortragstechnisch und experimentell waren der Atem und das Atmen für Loidl von zentraler Bedeutung. Einer seiner aufs äusserste verknappten Sätze, mit viel Luft, viel Seitenweiss rundherum, lautet: «Darf ich // nur atmen?» Er durfte, er durfte nicht, er nahm sich die Freiheit, führte unbeirrt eine Existenz als Luftpoet, oft an der Grenze zum Schlaf, zum Traum, zum Unbewussten, zur fernsten Erinnerung, zur Halluzination. Möglich, dass ihm seine Neugier für alles, was das gewöhnliche Bewusstsein übersteigt und erweitert, zum Verhängnis wurde. Sein Unfalltod bleibt rätselhaft, eine Wunde, die sich für Anhänger und Freunde nicht schliesst, aber auch einen Eingang in seine poetische Welt darstellt.

Der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichtband Loidls war «schwarzer rotz»; der Titel erinnert an H. C. Artmanns berühmtes Buch «med ana schwoazzn dintn» aus den fünfziger Jahren. Christian Loidl bewunderte den älteren Kollegen, beiden gemeinsam waren ein stets ausgeprägter Sinn für das Surreale an der Kehrseite des Realen und ein spielfreudiges, halb kindliches Wesen, das sich in literarischen Kunststücken, Experimenten und Eulenspiegeleien ausdrückte, in einem tiefen Unernst, der dann unvermutet an Wesentliches streifte, bei Loidl auch an Politisches, an den Verfall des Politischen, der ihn während seiner letzten Lebensjahre beunruhigte. Der in den «Gesammelten Gedichten» veröffentlichte Nachlass macht mehr als die Hälfte des dicken Buchs aus und gibt Einblick in die Werkstatt des Luftpoeten, bietet über weite Strecken aber auch ein poetisches Tagebuch von Notaten eines traumwachen Zeitgenossen.

Christian Loidl: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Eva Lavric unter Mitwirkung von Jaan Karl Klasmann. Klever-Verlag, Wien 2011. 750 S., Fr. 40.90.

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