Christian
Loidl: Gesammelte Gedichte.

H g.
v. Eva Lavric unter Mitwirkung v. Jaan Karl Klasmann. Wien: Klever
Verlag 2011. 680 Seiten; geb.; Euro 29,90. ISBN
978-3-902665-33-1.
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zur Leseprobe
Christian
Loidl – das war einer, der es – um ein Wort von H.C. Artmann
anzuverwandeln – verstand, Dichter zu sein, auch wenn er gar nicht
schrieb. Stets schien seine Erscheinung von seltsamem Getier
umschwebt. Immer war er bereit, noch dem ödesten Umfeld einen
sinnlichen Zauber abzugewinnen, ja, notfalls ein wenig dazu zu
halluzinieren. In einer bunten Verschachtelung von buddhistischer
Achtsamkeit respektive Selbstaufgabe und schamanischer Mächtigkeit
hat er der avantgardistisch geforderten Verschmelzung von Leben und
Kunst eine ganz eigene Ausformung geschaffen. Und auf diesem
Hintergrund verwundert es nun nicht, dass in den von Eva Lavric im
Klever Verlag neu versammelten Gedichten Menschen, Natur und Objekten
eine seltsam liebevolle Gleichrangigkeit erschrieben wird: „ALLES
war aus EINEM gemacht.“ Von der Rose über die übervolle
Leerstelle dessen, „was immer sich zeigt“, vom Neologismus bis
zum Dialekt, vom Zauberspruch bis zur Kritik am Politischen, vom
Satirischen bis zum Kindlich-Phantastischen,
Wortspielerisch-Satyrischen scheint hier alles hierarchiefrei in
derselben Ebene zu flottieren, scheint auf dieselbe Weise begrüßt
zu werden. Quasi abbildend werden die Bezeichnungen auf dem Blatt
verteilt – und die Bezeichnung des Blattweißen, das den Malgrund
bildet, gleich mit, sodass wie ein schöner Sog die Schrift es in
sich selbst hineinzieht. Allgemein immer wieder spürbar der
Wunsch, jene Unmittelbarkeit wiederzufinden, die von einer nicht als
wegweisend erfahrenen Schulbildung verstellt wird – eine Art von
anarchischem Humor, der gegen die Aufpasser und Schaffner dieser Welt
ausgeübt wird; dies auch und vor allem im Haiku oder in
haikuähnlichen Formen, die bei Loidl oft tatsächlich zu „lustigen
Versen“ geraten. Artmanns spielerischer Umgang dagegen mit den
Ingredienzien eines sehr theatralischen, in Anführungszeichen
gesetzten Kultischen erhält in freieren und längeren Formen seine
spezielle schamanische Färbung, die Loidl selbst zuweilen als
kindliche Allmachtsphantasie entlarvt. Elfen und Zwerge, seltenes
Gestein, glitzerndes Geflatter … ein Lichtfleck zu sein auf dem
Boden vor dir – die Welt scheint erotisch, weil der Dichter sie
liebt. Klar, man glaubt ihm jederzeit dieses „wehe Verlangen nach
mehr“, das selbst schon den Fokus verrückt. Christian Loidl hat
das Verlangen bis zur leider tödlichen Konsequenz gelebt. Es mag
etwas beunruhigen, dass einige Texte vom Autor nicht mehr beendet und
nun von der Herausgeberin in eine erahnte Endfassung gebracht wurden.
Aber: Nur schön, dass es diese Gedichte (wieder) gibt.
Lisa
Spalt 10. November 2011
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=9271
Leseprobe:
Christian Loidl - Gesammelte Gedichte.
ALLES
war aus EINEM gemacht. ES schwamm in den fischen. ES kroch in
den krokodilen. ES lauschte im licht, in den düften. was
war dieses ES? wir bewegten uns in immer erdferneren sphären. wenn
ich einmal glücklich war, so war es in dieser zeit als
krieger. es gab freilich auch die möglichkeit, als fisch oder
echse geboren zu werden. einmal schob ich die schultern
vor, krümmte den rücken und hielt mich am sitz meines
vordermanns. der schaffner ermahnte mich, diese haltung nicht
einzunehmen.
(S.
419) ©
2011 Klever Verlag, Wien.
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